Es wird viel über New York geschrieben, und unzählige Werke sind in und über die Stadt entstanden. Als ich unvorbereitet vor dem Film Mercurial New York (2026) der Künstlerin Rose Salane (34) saß, war mein erster Gedanke, dass ich ihn nur ein paar Minuten ansehen und dann zum nächsten Kunstwerk weitergehen würde. Die Zeit in Venedig war schließlich knapp, und die Fülle an Werken bemerkenswert. Aus den geplanten wenigen Minuten wurden zehn, dann zwanzig, dann dreißig, und bevor ich es bemerkte, war bereits fast eine Stunde vergangen. Wie hat es diese Arbeit geschafft, mich so lange zu fesseln? Und was ist das Besondere an dem Werk, das Rose Salane dieses Jahr in Venedig präsentiert?

Mercurial New York , 2025-2026. 4k single-channel video with sound 53:14 min. Edition of 5 plus 2 artist’s proofs [Still] © Rose Salane 2026, Courtesy of the artist and Carlos/Ishikawa, London
Die in Queens geborene und aufgewachsene Künstlerin war mir zuvor nicht bekannt. Allerdings teilen wir einen ähnlichen Hintergrund als Latinos sowie das Aufwachsen in Großstädten. Ihr Masterstudium im Fach Urban Planning am City College of New York (CUNY) spiegelt sich deutlich in ihrem Werk wider, das das Leben in der Stadt stets adressiert. Für Mercurial New York, eine Arbeit, die auf der aktuellen Biennale erstmals präsentiert wird, zeichnete sie Gespräche von New Yorker*innen an öffentlichen Orten auf – darunter auch in der Subway – und präsentiert diese unkommentiert auf der Leinwand. Die Gespräche sind unterschiedlich, kurz, mehrsprachig und direkt. Sie behandeln alltägliche Themen wie Isolation in der Großstadt, Familie, Sorgen, Gesundheit, Lebensziele, Motivation und Liebe. Die Stadt New York fungiert dabei als Kulisse, während die Menschen, die sich meist in Bewegung befinden, an die Rastlosigkeit der Metropole erinnern.

Mercurial New York , 2025-2026. 4k single-channel video with sound 53:14 min. Edition of 5 plus 2 artist’s proofs [Still] © Rose Salane 2026, Courtesy of the artist and Carlos/Ishikawa, London
Salane, die in einer konzeptuellen und multimedialen Praxis arbeitet, widmet sich in diesem Werk dem Medium Film. In früheren Arbeiten wie Panorama 94 (2019) und 64,000 Attempts at Circulation (2022) akquirierte sie in der Subway verlorene Ringe oder bei Auktionen erworbene Münzen und nutzte diese als Ausgangspunkt für ihre Werke. Es handelt sich um Objekte, die selbst Geschichten in sich tragen und etwas über das Leben ihrer früheren Besitzerinnen erzählen. 1 2 In Mercurial New York schien es als ob diese Ringe und Münzen gewissermaßen eine Stimme bekommen, und wir ihre Besitzer*innen näher kennenlernen würden. Ihr Interesse daran, das Leben in New York zu verstehen, sowie der Wunsch, eine große und heterogene Gruppe von Menschen zu repräsentieren, motivierten sie dazu, sich intensiv mit der Stadt auseinanderzusetzen.3 Bemerkenswert ist bei der Arbeit in Venedig vor allem die Art und Weise, wie sie diese Personen repräsentiert und dem Publikum vorstellt.

Mercurial New York , 2025-2026. 4k single-channel video with sound 53:14 min. Edition of 5 plus 2 artist’s proofs [Still] © Rose Salane 2026, Courtesy of the artist and Carlos/Ishikawa, London
Ein Film, der mir beim Betrachten von Mercurial New York in den Sinn kam und mich zurück in das Jahr 2013 in ein Kino in Kolumbien versetzte, war der Dokumentarfilm La Maison de la Radio des französischen Filmemachers Nicolas Philibert. Darin begleitet er 24 Stunden lang Menschen bei ihrer Arbeit im Gebäudekomplex von Radio France – ohne Kommentar, ohne eindeutige Botschaft und ohne Erzählerstimme. Ähnlich verfährt Salane in ihrem neuen Film. Sie bedient sich der Form des beobachtenden Dokumentarfilms (Observational Mode), bei dem die Filmemacherin versucht, das Geschehen möglichst neutral zu beobachten.4
Auch in Mercurial New York begegnen wir einer fortlaufenden Fragmentierung, die eine geschlossene Handlung ausschließt. Diese Fragmentierung zieht sich durch den gesamten Film: Salane filmt bereits laufende Gespräche, verlässt diese, bevor sie zu Ende sind, und steigt unmittelbar in neue Gespräche ein.

Mercurial New York , 2025-2026. 4k single-channel video with sound 53:14 min. Edition of 5 plus 2 artist’s proofs [Still] © Rose Salane 2026, Courtesy of the artist and Carlos/Ishikawa, London
Die Gespräche sind zweifellos fesselnd. Die behandelten Themen sind zudem unmittelbar nachvollziehbar, da wohl jede*r von uns bereits mit ähnlichen Fragen konfrontiert war. Wer hat sich nicht schon einmal Sorgen um die eigene Gesundheit gemacht und musste dennoch den Anforderungen des Alltags nachkommen? Oder wer hat während der Schulzeit nicht über die Zukunft an der Universität nachgedacht und sich dabei Sorgen über die bevorstehenden Herausforderungen gemacht? Diese Nähe der Themen ermöglicht eine schnelle Identifikation mit den Menschen, die die Gespräche führen.
In schwierigen Momenten sind es für uns als Menschen, die ein tiefes Bedürfnis nach Nähe und Liebe haben, letztlich die echten menschlichen Verbindungen – Menschen, die ein offenes Ohr für uns haben und bereit sind, mit uns über unsere Probleme zu sprechen –, die uns dabei helfen, nicht unterzugehen.
– Camilo Castiblanco –
Das Leben in einer schlaflosen, von ständiger Bewegung geprägten Großstadt bietet eine Fülle an Konsummöglichkeiten und Erlebnissen aller Art, in der wir förmlich schwimmen können – das muss man zugeben. Dennoch zeigt sich, wie in einigen Gesprächen in Mercurial New York deutlich wird, dass dieser Reichtum an Angeboten nicht zwangsläufig Freude oder Erfüllung bringt. In schwierigen Momenten sind es für uns als Menschen, die ein tiefes Bedürfnis nach Nähe und Liebe haben, letztlich die echten menschlichen Verbindungen – Menschen, die ein offenes Ohr für uns haben und bereit sind, mit uns über unsere Probleme zu sprechen –, die uns dabei helfen, nicht unterzugehen.

Mercurial New York , 2025-2026. 4k single-channel video with sound 53:14 min. Edition of 5 plus 2 artist’s proofs [Still] © Rose Salane 2026, Courtesy of the artist and Carlos/Ishikawa, London
Ein möglicherweise nicht unwichtiger Aspekt, der die Rezeption des Films erleichtert, betrifft seine Form. Die Fragmentierung der Geschichten, bei der uns kurze Ausschnitte präsentiert werden, kommt dem heutigen Medienkonsum entgegen. Berücksichtigt man die durch soziale Medien beeinflusste Aufmerksamkeitsspanne, bei der wir häufig nur kurze Zeit bei einer Aufgabe verweilen können, erleichtert die Struktur des Films zusätzlich dessen Aufnahme.5 Sobald wir erkennen, dass der Film aus zahlreichen kurzen Sequenzen besteht, können wir uns leichter entscheiden, länger vor der Leinwand zu bleiben – selbst wenn ein Ausschnitt weniger interessant erscheint. Denn wir wissen bereits: Gleich folgt etwas Neues, das möglicherweise spannender ist. Zudem entsteht beim Betrachten ein voyeuristisches Gefühl, da – mit Ausnahme einer Person im Film – niemand direkt in die Kamera blickt oder diese und damit auch uns als Zuschauer*innen wahrnimmt.

Mercurial New York , 2025-2026. 4k single-channel video with sound 53:14 min. Edition of 5 plus 2 artist’s proofs [Still] © Rose Salane 2026, Courtesy of the artist and Carlos/Ishikawa, London
Ein letzter Punkt betrifft die Bildgestaltung. Die scharfen und ästhetisierten Aufnahmen von New York und insbesondere der Subway erzeugen ein modernes und romantisiertes Bild der Stadt. Das funktioniert ausgesprochen gut und entfaltet eine starke emotionale Wirkung auf die Zuschauer*innen. Dennoch bleibt für mich eine Frage offen, die die Inszenierung betrifft. Die Menschen auf der Leinwand sind mit hoher Wahrscheinlichkeit Schauspieler*innen. Inwiefern beeinflusst dieses Wissen meine unmittelbare Wahrnehmung der Stadt und ihrer Bewohner*innen, wenn die Gespräche inszeniert sind? Wäre ich ebenso lange vor der Leinwand geblieben, wenn die Aufnahmen nicht so sorgfältig gestaltet und ästhetisch inszeniert wären? Diese Frage kann ich gerade nicht eindeutig beantworten – und genau deshalb nehme ich sie mit.
- Carlos/Ishikawa, „Rose Salane. All These Events Are True, But None Of Them Happened“, abgerufen am 13.08.2026, https://www.carlosishikawa.com/exhibitions/all-these-events-are-true-but-none-of-them-happened/ ↩︎
- Samantha Ozer, „Faith, Place And Chance: Rose Salanes’s Lost Objects Fill In The Gaps Of History“, PIN-UP Magazine, abgerufen am 13.08.2026, https://www.pinupmagazine.org/articles/rose-salane-s-lost-objects-fill-in-the-gaps-of-history. ↩︎
- Rafael Salazar Moreno, Ava Wiland, „Rose Salane’s Lost & Found | Art21 „New York Close Up“, Art 21, abgerufen am 13.08.2026, https://www.youtube.com/watch?v=Se-YrVqucB4. ↩︎
- Niedersächsisches Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung (NLQ), „Filmform: Dokumentarfilm“, in: Cato – Der Widerstand der Cato Bontjes van Beek (1920–1943), abgerufen am 13.08.2026, https://apps.medienberatung.online/cato/dokumentarfilm/index.html. ↩︎
- Vittoria Traverso, „The average attention span has shrunk to roughly 40 seconds. Here’s how to get it back.“, National Geographic, abgerufen am 13.08.2026, https://www.nationalgeographic.com/health/article/attention-spans-shrinking-how-to-regain. ↩︎