Ein Besuch des deutschen Pavillons in Venedig dieses Jahres konfrontiert Besucher*innen mit einem Gesamtwerk, das bewusst mit Gegensätzen spielt. In der Lagunenstadt bringen die beiden Künstlerinnen Henrike Naumann († 40) und Sung Tieu (39) ein Formenvokabular in den Ausstellungskontext ein, das zwischen maximalistischer Opulenz und minimalistischer Klarheit changiert. 1 Das Gebäude des deutschen Pavillons, das aufgrund seiner Baugeschichte bereits komplex ist – es wurde 1938 während des NS-Regimes rekonstruiert –, wies für mich aus der Entfernung bei einem schnellen Überblick zunächst keine so grundlegenden Veränderungen auf. Mit jedem Schritt näher zum Gebäude fielen mir jedoch subtile, aber auffällige bauliche Veränderungen der Fassade auf.
Säulen und Wände waren mit Mosaiken bedeckt, die durch eine optische Täuschung die Ruinen eines sozialistischen Plattenbaus in Berlin abbildeten – eines Gebäudes, in dem, wie ich ein paar Minuten später erfuhr, die Künstlerin Sung Tieu während ihrer Kindheit gelebt hatte. Henrike Naumann, die leider Anfang des Jahres infolge einer zu spät diagnostizierten Krebserkrankung verstorben ist, konzipierte für den Innenraum des Pavillons Stühle, Vorhänge und Wandgemälde, allesamt an den Wänden angebracht, die die sozialistische Realität während der DDR kommentieren. Sowohl die Künstlerinnen als auch die Kuratorin der Ausstellung, Kathleen Reinhardt, teilen eine ostdeutsche Geschichte und bringen Beiträgen zur DDR und zur Transformationszeit nach der Wiedervereinigung im Pavillon dieses Jahres zur Erscheinung. 2

Sung Tieu, Human Dignity Shall Be Inviolable, 2026. Courtesy die Künstlerin. Foto: Andrea Rossetti.
Naumann und Tieu beschäftigen sich in ihren jüngsten Arbeiten in Venedig unter der Überschrift „Ruin“ mit Räumen, Kontinuitäten und Zuständen des ökonomischen, gesellschaftlichen oder moralischen Zusammenbruchs. 3 Ihre Werke, auf die ich noch näher eingehen werde, lösten in mir nach dem Besuch des Pavillons Gedanken aus, die ich lange gebraucht habe zu verdauen: Gedanken über die Zeiten, in denen wir aktuell leben, und über die Fortwirkungen von Realitäten der DDR sowie der Transformationszeit nach der Wiedervereinigung. Grundlegende Fragen, die meine Gedanken in diesem Text leiteten, sind: Welche Formen der Normalität von damals, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland, sind heute noch wirksam? Und wie lassen sich solche Fortwirkungen in unserer Gegenwart erkennen?
Sung Tieus Trompe-l’œil-Mosaik an der Fassade des Pavillons Human Dignity Shall Be Inviolable (2026) besteht aus über drei Millionen Marmorsteinen – ja, drei Millionen! –, die einen Plattenbau an der Gehrenseestraße in Lichtenberg in Berlin nachbilden. Der Berliner Bau, welcher aktuell abgerissen wird, ist ein Vermächtnis für die Geschichte der Vertragsarbeiter*innen und für die Geschichte der vietnamesischen Community in Deutschland. 4 Die in Vietnam geborenen Künstlerin hatte als kleines Kind dort gelebt, in einer Gegend, die in der Geschichte Berlins für Diskriminierung und Gewalt gegenüber migrantischen Gesellschaften bekannt ist. Gebäude können abgerissen werden, Geschichte sollte aber in Erinnerung bleiben. Damit beschäftigt sich Sung Tieu nicht nur im Rahmen ihres aktuellen monumentalen Beitrags zur Biennale, sondern bereits früher, etwa bei den informellen Free Walking Tours, die sie zwischen den Jahren 2023 und 2025 durch das Areal an der Gehrenseestraße angeboten hat. Damit machte sie auf die Migrationsgeschichte und wechselnde politische Entwicklungen aufmerksam. 5
In Zeiten, in denen Gewaltdarstellungen durch die Medien zum Alltag geworden sind und sogar abstumpfend wirken können, ist es wichtiger denn je, andere Formen der analogen aufklärerischen Arbeit auszuprobieren – in diesem Fall in Form von Kunst oder Führungen.

Sung Tieu, Human Dignity Shall Be Inviolable, 2026. Courtesy die Künstlerin. Foto: Andrea Rossetti.
Das von Sung Tieu angebrachte Abbild des Plattenbaugebäudes in Venedig erinnert auch an einen anderen Plattenbau, der leider ebenfalls für Diskriminierung und Gewalt gegenüber Migrant*innen in der deutschen Geschichte bekannt geworden ist. Das sogenannte „Sonnenblumenhaus“ in Rostock-Lichtenhagen war ein Wohnheim ehemaliger vietnamesischer Vertragsarbeiter*innen und zugleich Sitz der Zentralen Aufnahmestelle für Asylsuchende im Ortsteil Lichtenhagen. Der Plattenbau gilt bis heute als zentrales Mahnmal für die rassistische Gewalt der Nachkriegsgeschichte in Deutschland, als zwischen dem 22. und 26. August 1992 Rechtsextreme Brandanschläge auf das Gebäude verübten. Neonazis formierten sich auch damals, um Polizei und Feuerwehr den Eintritt zu verwehren. 6
Als Migrant selbst war ich von Sung Tieus Arbeit betroffen. Mosaiksteine, die aus extremer Nähe betrachtet an sich elegant und optisch ansprechend wirkten, erwiesen sich aus der Entfernung als Spuren von Gewalt und Diskriminierung gegenüber Migrant*innen. Noch erschüttert und gleichzeitig beeindruckt von ihrem Werk entschied ich mich, in das Gebäude des Pavillons hineinzugehen.

Henrike Naumann, The Home Front, 2026. Sung Tieu, Human Dignity Shall Be Inviolable, 2026. Courtesy die Künstlerinnen. Foto: Jens Ziehe, Berlin.
Während die Arbeit von Sung Tieu in den Giardini durch eine Beschäftigung mit der Fassade des Gebäudes – dem Äußeren – Diskriminierung und Formen der Gewalt thematisiert, konzentriert sich Henrike Naumanns Werk auf das Innere des Pavillons und damit auf den inneren Aspekt dieser Gewalt. Für ihr Werk Die Innere Front (2026), das die gesamte Haupthalle des Pavillons einnimmt, wurden die Wände in einem mintgrünen Farbton gestrichen, halbierte Stühle an diesen Wänden aufgereiht, zerfetzte Vorhänge aufgehängt und links sowie rechts vom Eingang zwei Arbeiten angebracht, die an Gemälde erinnern, jedoch durch ihre Materialität in das Dreidimensionale übergehen. Naumann thematisiert jeweils historische Gewalt. Es handelt sich jedoch um eine Gewalt, die viel subtiler ist und sich nicht direkt offenbart. In ihren Installationen arbeitet sie mit gefundenen Objekten und arrangiert Möbel und Gegenstände zu szenografischen Räumen. Dadurch untersucht sie Geschichte und die Räume der Radikalisierung. 7 Wie sehen alltägliche Räume von Menschen aus, die in Formen der Gewalt eingebunden sind?

Henrike Naumann, Die Innere Front, 2026. Courtesy die Künstlerin. Foto: Jens Ziehe, Berlin.
Die Arbeiten an den Wänden und die mit Löchern versehenen Vorhänge lassen auf eine Normalität des 20. Jahrhunderts zurückblicken, die sich trotzdem wieder zunehmend aktuell anfühlt. Damit meine ich die politischen Spannungen zwischen Wirtschaftsmächten und die daraus entstandene gesellschaftliche Militarisierung – etwas, das auch in Deutschland nicht mehr ausschließlich der Vergangenheit angehört. Der mintgrüne Farbton entspricht demselben Ton, der auch in den heute verlassenen sowjetischen Kasernen in Ostdeutschland verwendet wurde. Die zwei gemäldeartigen Objekte an den Wänden zeigen ebenfalls die ästhetische Normalität zweier damaliger gegensätzlicher Welten. Auf der einen Seite sehen wir in einer Art großem Reliefrahmen eine Einrichtung im Stil des Neuen Deutschen Designs, einer westdeutschen postmodernen Designbewegung der 1980er Jahre. Auf der anderen Seite hängt Naumann eine gepolsterte Interpretation eines sozialistisch-realistischen Wandgemäldes auf, das Naumanns Großvater, der Künstler Karl Heinz Jakob, in der einstigen Karl-Marx-Stadt Chemnitz geschaffen hatte.

Henrike Naumann, Die Innere Front, 2026. Courtesy die Künstlerin. Foto: Jens Ziehe, Berlin.
Eine Normalität der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die immer komplexer geworden ist, betrifft die Gewalt in ihren unterschiedlichen Ausprägungen. Gewalt betrifft nicht nur körperliche und psychische Gewalt, die in Form von Bedrohungen, Beleidigungen und öffentlicher Diskriminierung erfahren wird, sondern auch strukturelle Gewalt – die oft migrantische Kreise besonders schwer trifft.
Jährlich wandern nach Deutschland hunderttausende Menschen ein, um hier zu arbeiten – im Jahr 2025 sind 205.000 Fachkräfte eingewandert. 8 Das Erlernen einer neuen Sprache, finanzielle Notsituationen, kulturelle Unterschiede, bürokratische Hürden und zusätzlich ein System, das wenige Möglichkeiten zur Integration anbietet und Menschen häufig nur als „Arbeitskräfte“ betrachtet, prägen diese Erfahrungen. Sung Tieus Mutter kam 1992 aus Vietnam nach Deutschland und war als Metzgerin, Obsthändlerin, Angestellte in einem Imbiss-Bus und Fabrikarbeiterin in einer Großwäscherei beschäftigt. 9 Wenn wir die damaligen Möglichkeiten zur Integration betrachten möchten, lohnt sich ein Blick auf die Deutschsprachkurse, die für zugewanderte Arbeitskräfte angeboten wurden und 1987 auf einem Monat verkürzt wurden. 10 In den Arbeiten For Now We See Through a Glass, Darkly (2026) und But The Flesh Is Weak (2026) an den Seitenflügeln des Pavillons bezieht sich Sung Tieu auf ihre Mutter. Tieu nimmt das Vermessen und Abbilden der Körper ihrer Mutter, um strukturelle Gewalt zu enthüllen und rassistische Machthierarchien zu kommentieren, denen Menschen in einem solchen System ausgesetzt sind. Die Arbeitserfahrung ihrer Mutter wird sowohl materiell als auch strukturell verhandelt und zeigt sie als Teil jener Systeme, die Körper formen, regulieren und vermessen. 11

Sung Tieu, But The Flesh Is Weak, 2026. Courtesy die Künstlerin. Foto: Andrea Rossetti.
Ich finde die Beiträge von Sung Tieu und Henrike Naumann in Bezug auf Machthierarchien und institutionelle systematische Gewalt sehr aussagekräftig. Ein letzter Aspekt des 20. Jahrhunderts, der immer stärker prägend für unsere Normalität wird und im Pavillon nicht direkt thematisiert wurde, betrifft die allgegenwärtige Überwachung.
In Staaten wie der DDR gehörte Überwachung zum Alltag, während sich der Staat gleichzeitig als Friedensstaat selbstdarstellte. Heute hat sich die Überwachung von einer sichtbaren Kontrolle in eine unsichtbare Infrastruktur verwandelt. Überwachung durch Geheimdienste, Grenzanlagen, Kameras und Kontrollposten verschiebt sich auf Smartphones, Algorithmen, Datensammlungen und biometrische Systeme. Ein System beobachtet, ohne sichtbar zu sein. Täglich werden Daten staatlich und privat erhoben, und Aspekte wie unser politisches Interesse, unser Konsumverhalten, unser Aufenthaltsort, unsere Bewegungsmuster, sozialen Kontakte, unser Tagesrhythmus und sogar Lebenssituationen gehören nicht mehr ausschließlich uns. Diese Überwachung überdauert Zeiten und politische Systeme. 12
Ich fragte mich selbst, während ich meine Gedanken für diesen Beitrag sammelte, wie der deutsche Pavillon in 50 Jahren aussehen würde, wenn Menschen rückblickend auf unsere Zeit der KI und der digitalen Allgegenwärtigkeit schauen würden. Daraus entstehen alle möglichen spannenden und zugleich gruseligenVorstellungen…
- Vgl. „Ausstellung“, Deutsche Pavillon 2026, abgerufen am 10.08.2026, https://deutscher-pavillon.org/de/exhibition. ↩︎
- Vgl. „News & Events“, Deutsche Pavillon 2026, abgerufen am 10.08.2026, https://deutscher-pavillon.org/de/news. ↩︎
- Vgl. „Der Deutsche Pavillon auf der Kunstbiennale in Venedig 2026“, Institut für Auslandsbeziehungen, abgerufen am 10.08.2026, https://www.ifa.de/kunst/deutscher-pavillon-venedig-biennale/. ↩︎
- Vgl. Sarah Alberti, „Kunstbiennale startet. Warum der Deutsche Pavillon in Venedig jetzt wie ein Plattenbau aussieht“, MDR Aktuell, abgerufen am 10.08.2026, https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/panorama/deutscher-pavillon-venedig-kunst-ostdeutschland-kultur-news-100.html. ↩︎
- Vgl. „Sung Tieu. Gehrenstrasse, eine Chronik“, Deutsche Pavillon 2026, S. 11, abgerufen am 10.08.2026, https://deutscher-pavillon.org/de/press. ↩︎
- Vgl. ebd., S. 20. ↩︎
- Vgl. „Henrike Naumann“, Deutsche Pavillon 2026, abgerufen am 11.08.2026, https://deutscher-pavillon.org/de/exhibition/henrike-naumann. ↩︎
- Daniel Bockwoldt, „Zahl der zugewanderten Fachkräfte in Deutschland steigt binnen eines Jahres sprunghaft an“, WELT, abgerufen am 11.08.2026, https://www.welt.de/politik/deutschland/article6a32317a4522e459ce2f2f84/migration-zahl-der-zugewanderten-fachkraefte-in-deutschland-steigt-binnen-eines-jahres-sprunghaft-an.html. ↩︎
- Vgl. „Sung Tieu. Gehrenstrasse, eine Chronik“, S. 21f. ↩︎
- Vgl. ebd., S. 17. ↩︎
- Vgl. „Pressemappe“, Deutsche Pavillon 2026, S.5, abgerufen am 11.08.2026, https://deutscher-pavillon.org/de/press. ↩︎
- Vgl. ebd., S. 4. ↩︎