Gestern ist die Manifesta 16 zu Ende gegangen. Die 30-jährige europäische Kunstbiennale, deren Ausstellungsorte alle zwei Jahre wechseln und die bereits in Städten wie San Sebastián, Zürich, Palermo, Barcelona und Marseille stattgefunden hat, fand dieses Jahr in Deutschland, im Ruhrgebiet, statt. Sie trug den Namen „Das ist keine Kirche“ und war über Bochum, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen verteilt. Dabei wandelte die diesjährige Biennale zwölf ehemalige, wenig genutzte Kirchengebäude in kulturelle und gemeinschaftliche Zentren um. 1 Zweieinhalb Tage besuchte ich die Manifesta und besichtigte in einer Art Marathon die verschiedenen Ausstellungsorte, von denen ich allerdings nur neun sehen konnte. Für mich persönlich war es wichtig, die Biennale zu besuchen, da ich eine Vorliebe für partizipatorische Formen der Kunst habe und Partizipation und die Manifesta untrennbar miteinander verbunden sind. Ortsspezifische Rechercheprozesse, in die lokale Anwohner*innen involviert sind, begleiten jede Manifesta und bestimmen ihre Form. 2

How to carry a locust, 2026 © Havîn Al-Sîndy. Photo © Manifesta 16 Ruhr / Ivan Erofeev
Die Kirchen der Manifesta unterschieden sich sowohl in ihrer Architektur als auch in ihrer Bespielung sehr stark voneinander. Das Spektrum reichte von einer Kirche aus der Mitte des 19. Jahrhunderts mit einer neoromanischen Steinarchitektur, in der ein Beichtstuhl mit künstlicher Intelligenz kombiniert wurde, bis hin zu einer Kirche aus der Nachkriegszeit, in der Kräutergärten eingerichtet wurden, um verschiedene Teesorten anzubauen. 3 4 Ich werde mich in diesem Text nur auf eine Kirche fokussieren: die St.-Josef-Kirche in Gelsenkirchen-Ückendorf. Von den von mir besuchten Kirchen ist sie mir am stärksten in Erinnerung geblieben. Mich beschäftigen dabei die kuratorischen Entscheidungen in dieser Kirche und zugleich die Frage nach dem partizipatorischen Aspekt der dort präsentierten Projekte.
Ich bin nicht an Religion interessiert – mich interessiert die Infrastruktur. Die Kirche ist für mich ein Ausdruck der Nachbarschaft und der Nähe. 5
– Josep Bohigas, Urbanist der Manifesta 16 –
Die Entscheidung der Manifesta, entweihte Kirchen als Kunst- und Gemeinschaftszentren zu nutzen, entstand aus den Forschungsarbeiten, die immer zur Planung der Biennale gehören. Die Manifesta lässt sich dafür in der Region, in der die nächste Biennale geplant wird, für ein oder zwei Jahre nieder und identifiziert Konflikte und Potenziale, die letztendlich den Rahmen der nächsten Manifesta bilden. 6 Im Ruhrgebiet besteht die Problematik mit den leer stehenden sakralen Räumen bereits seit Langem. Besonders während der Zeit des Kohleabbaus entstanden Gemeinschaften rund um die Fabriken und Zechen, und für diese Gemeinschaften wurden Kirchen gebaut. Mit dem Ausstieg aus dem Kohleabbau und der schrittweisen Schließung der Fabriken lösten sich die Gemeinschaften rund um die Fabriken auf, und die Kirchen verloren nach und nach ihre Gemeinde. 7 Das Phänomen betrifft jedoch nicht nur das Ruhrgebiet. Kirchengebäude werden heute aufgrund der Säkularisierung in ganz Deutschland unzureichend genutzt, entweiht oder verkauft – seit dem Jahr 2000 haben bereits etwa 600 Kirchen dieses Schicksal erlebt. 8
Diesen Sommer öffneten sich mit der Manifesta die Türen dieser Kirchen wieder für die Welt und damit für eine eher profane Nutzung. Beim Betreten der St.-Josef-Kirche, in der im Mai 2023 der letzte Gottesdienst gefeiert wurde, war nicht zu übersehen, dass die Räumlichkeiten drastisch umgestaltet worden waren. 9

Möglich Unvorhersehbar, 2026 © Penique Productions/Sergi Arbusà. Photo © Manifesta 16 Ruhr / Ivan Erofeev
Die Kirche hat drei Schiffe, und das gesamte Mittelschiff war mit einer blauen Plastikmembran bedeckt – eine Arbeit von Penique Productions mit dem Titel Möglich Unvorhersehbar (Possibly Unpredictable) (2026), die im Auftrag der Manifesta geschaffen wurde. Im linken Seitenschiff befand sich eine Mindmap zu dem Universitätskurs This is not a Church an der TU Dortmund aus dem Jahr 2025. Im rechten Seitenschiff der Kirche überrumpelte eine überlebensgroße Heuschrecke die Besucher*innen – eine Arbeit der Künstlerin Havin Al-Sindy. Zwei Teile gehörten zu Al-Sindys Beitrag in der St. Josef. Der erste Teil war die Installation How to Carry a Locust (Installation) (2026), zu der die große Heuschrecke und ein Schwarm kleiner Papierheuschrecken gehörten. Der zweite Teil war das Video Kulî (Locust) (2026), in dem auf die Entstehung der Arbeit und die Verwendung der Heuschrecke als Symbol eingegangen wird.

How to carry a locust, 2026 © Havîn Al-Sîndy. Photo © Manifesta 16 Ruhr / Ivan Erofeev
Penique Productions’ künstlerische Arbeiten basieren auf der Herstellung dünner plastischer Membranen, die durch Aufblasen und den Einsatz von Licht die Wahrnehmung des Innenraums verändern. 10 Der Initiator des Projekts, Sergi Arbusà, äußert sich offen zu seinem Interesse daran, Räume zu transformieren, anzueignen und zu entdecken. Für ihn geht es nicht nur darum, mit einem Luftvolumen einen Raum zu besetzen. Deshalb konzipiert er seine Projekte als begehbare Räume. 11 Die Besucher*innen der Manifesta 16 erwartete tatsächlich ein begehbarer Raum beim Besuch der St. Josef, denn zu meiner Überraschung war es möglich, das Innere der blauen Membran zu betreten.

This is not a church pew, 2026 © Curro Claret. Photo © Manifesta 16 Ruhr / Ivan Erofeev
Holzkirchenbänke wurden im Inneren umgestaltet und erinnerten durch ihre neuen Formen an eine Tribüne oder ein Lagerfeuer. Der Boden war mit Sand bedeckt. Die Bänke waren eine Arbeit des Möbeldesigners Curro Claret Martí und trugen den Titel This is not a church pew (2026). Auf dem Altar wurde eine Videoarbeit des Duos Barber-Palacios präsentiert: How long a Clapper’s Shadow Falls (2026), in der Glocken als Instrumente des kollektiven Gedächtnisses untersucht wurden. 12 Die blaue Membran, die bis in die Höhe der Kirche reichte, machte den groben Innenraum und seine Formen sichtbar, während kleine Details nicht mehr zu erkennen waren.
Das monumentale Werk von Penique Productions wandelte den Raum der Kirche vollständig um und setzte tatsächlich einen spezifischen farblichen Akzent in der gesamten Ausstellung – das muss man zugeben: Es war sehr beeindruckend. In dieser Hinsicht wurden auch die anderen Arbeiten, die sich innerhalb und außerhalb der blauen Membran befanden, durch ihre Farbgebung beeinflusst – etwas, das sowohl bereichernd als auch problematisch war. Im Inneren der blauen Plastikmembran wurden die Werke von Claret Martí und dem Duo Barber-Palacios unvermeidlich zu einem Teil des Gesamtwerks. Das übernatürliche Gefühl, das die hohe blaue Membran allein erzeugte, wurde durch den visuellen und auditiven Beitrag des Duos Barber-Palacios sowie durch die in die Höhe transformierten Holzkirchenbänke von Claret Martí verstärkt. Allein aufgrund der Wahrnehmung fühlte man sich, als wäre man in eine andere Dimension gelangt, und ohne die Ausstellungstexte hätte man denken können, dass alles im Inneren ein einziges Werk sei. Das funktionierte ausgesprochen gut, da die Verschmelzung der drei Arbeiten ungezwungen wirkte.

How long a Clapper’s Shadow Falls, 2026 © Montserrat & Llorenç Palacios & Barber. Photo © Manifesta 16 Ruhr / Ivan Erofeev
Was die Arbeiten betrifft, die sich außerhalb der blauen Membran befanden, war es für sie tatsächlich schwieriger, mit dem Koloss von Penique Productions zu konkurrieren und auf derselben Ebene zu kommunizieren. Diese Arbeiten waren an die Ränder der Kirche gedrängt, obwohl sie viel zu sagen hatten. Die sozialpolitischen Werke von Al-Sindy, in denen die Erfahrungen von Krieg, Enteignung und Überleben in der kurdischen Geschichte thematisiert werden, mussten um den Raum kämpfen, um überhaupt gehört zu werden. Ob dies ebenfalls eine bewusste kuratorische Entscheidung war? In dem anderen Seitenschiffe befand sich die Mindmap zu dem Universitätskurs an der TU Dortmund, der als Vorbereitung für die Manifesta diente und ebenfalls an den Rand gedrängt wurde. Diese Ergebnisse wurden in der St.-Josef-Kirche bereits ein Jahr zuvor, im Juli 2025, im Rahmen der Präsentation der städtebaulichen Grundlage der Biennale vorgestellt – noch bevor die weiteren Projekte hinzukamen und die Kirche zum Ausstellungsort wurde. 13
Partizipation spielte in der St.-Josef-Kirche bei fast allen ausgestellten Werken eine wichtige Rolle. Die Holzkirchenbänke von Claret Martí entstanden in Zusammenarbeit mit lokalen Anwohner*innen und Studierenden und werden nach der Manifesta in der Nachbarschaft als Stadtmobiliar erhalten bleiben. 14 15 Das Duo Barber-Palacios organisierte während der Manifesta zwölf ortsspezifische Konzerte mit ortsansässigen Teilnehmer*innen, bei denen Kirchtürme aktiviert wurden. 16 Havîn Al-Sîndy begann mit ihrem Projekt Monate vor dem Anfang der Manifesta. Dafür arbeitete sie in Schulen der Region mit 200 Jugendlichen und Kindern aus über 18 Nationalitäten im Alter zwischen zehn und 16 Jahren. 17 Die acht Meter große Heuschrecke in der St. Josef wurde in einem festlichen Umzug, bei dem kurdische Lieder gesungen wurden, zum Ausstellungsort getragen. 18

Performance at Opening Night 20th of June 2026, 2026 © Montserrat & Llorenç Palacios & Barber. Photo © Manifesta 16 Ruhr / Anna Jocham
Eine Ausnahme bildet die blaue Membran von Penique Productions. Die überwältigende Arbeit entstand nicht aus einem partizipatorischen Prozess. Wäre es jedoch nicht spannend gewesen, wenn diese blaue Farbe gemeinschaftlich aktiviert worden wäre? In Gelsenkirchen brennt eine ganze Sportmannschaft für die Farbe Blau. Hätte man sie auch im Rahmen der Manifesta einladen sollen, etwas für die St. Josef zu machen? (Kleiner Witz.)
- Vgl. Manifesta 16 Ruhr „Der konzeptuelle Rahmen“, abgerufen am 03.10.2026, https://manifesta16.org/de/biennial-main-programme ↩︎
- Vgl. Hedwig Fijen, „Speech by Hedwig Fijen. Main Press Conference“, Manifesta 16 Ruhr, Duisburg, 18.06.2026, S. 6, abgerufen am 03.10.2026, https://m16-stack.fra1.cdn.digitaloceanspaces.com/Speech-Hedwig-Fijen-Opening-Press-Conference-Manifesta-16-Ruhr-1.pdf ↩︎
- Manifesta 16 Ruhr „St. Gertrud, Essen“, abgerufen am 03.10.2026, https://manifesta16.org/venues/st-gertrud ↩︎
- Manifesta 16 Ruhr, „St. Bonifatius – Ferdane Satır Tea Garden, Gelsenkirchen“, abgerufen am 03.10.2026, https://manifesta16.org/venues/st-bonifatius ↩︎
- Daniela Berglehn, „Manifesta-Planer Josep Bohigas „Das Ruhrgebiet ist eine Welt aus Nachbarschaften““, Monopol, 12.05.2025, abgerufen am 03.10.2026, https://www.monopol-magazin.de/josep-bohigas-manifesta-kirchen-das-ruhrgebiet-ist-eine-welt-aus-nachbarschaften ↩︎
- Vgl. Uta M. Reindl, „Josep Bohigas. „Die Aufgabe von Kirchen(räumen) signalisiert den Zerfall einer sozialen Architektur, die einst Gemeinschaften zusammenhielt.““, KUNSTFORUM International, Bd. 310, 2026, abgerufen am 03.10.2026, https://www.kunstforum.de/artikel/josep-bohigas/ ↩︎
- Vgl. Berglehn, „Manifesta-Planer Josep Bohigas“. ↩︎
- Vgl. Reindl, „Joseph Bohingas“. ↩︎
- Vgl. „St. Josef (Ückendorf) – Gelsenkirchener Geschichten“, abgerufen am 03.10.2026, https://www.gelsenkirchener-geschichten.de/wiki/St._Josef_(Ückendorf) ↩︎
- Vgl. Penique Productions, „About us“, abgerufen am 03.10.2026, https://www.peniqueproductions.com/about-us/ ↩︎
- Vgl. Louise Conesa, „Penique Productions“, FORMÆ, abgerufen am 03.10.2026, https://www.formaemagazine.com/en/articles/penique-productions ↩︎
- Manifesta 16 Ruhr, „Dúo Barber-Palacios“, abgerufen am 03.10.2026, https://manifesta16.org/de/participants/montserrat-barber-lloren–palacios ↩︎
- Vgl. Manifesta 16 Ruhr, „Präsentation der Manifesta 16 Ruhr Urban Vision“, 10.02.2025, abgerufen am 03.10.2026, https://manifesta16.org/de/news/presentation-of-the-manifesta-16-ruhr-urban-vision ↩︎
- Vgl. @curroclaret, „[A collection of furniture for meeting, playing, eating or relaxing, made from repurposed church pews for Manifesta 16 Rurh.]“, Instagram, [28.06.2026], abgerufen am 03.10.2026, https://www.instagram.com/p/DaIBlq3jLvt/?img_index=7 ↩︎
- Vgl. @manifestabiennial, „[Through participatory workshops, Curro Claret Martí deconstructed discarded church pews and transformed them into new, playful structures.], Instagram, [23.09.2026], abgerufen am 03.10.2026, https://www.instagram.com/p/Ddoe2Q4IG0d/?img_index=1 ↩︎
- Vgl. Manifesta 16 Ruhr, „Dúo Barber-Palacios“. ↩︎
- Vgl. Laura Ewert, „Havin Al-Sindy auf der Manifesta 16. Lernen, was Kunst eigentlich sein kann“, Monopol, 10.07.2026, abgerufen am 03.10.2026, https://www.monopol-magazin.de/havin-al-sindy-auf-der-manifesta-16?slide=0 ↩︎
- Vgl. ebd. ↩︎