10.09.2026
Ich stehe abends in einer langen Schlange in Berlin-Mitte. Vor und hinter mir stehen zahlreiche schwarz gekleidete Menschen. Besonders die stylischen Outfits fallen mir sofort auf. (Bin ich etwa underdressed?) Obwohl die Sonne draußen längst nicht mehr richtig scheint, tragen einige noch immer Sonnenbrillen. Die Tür öffnet sich und eine Türsteherin mit Grillz lässt nur wenige Menschen hinein. Zeit, einzutreten. Die anderen müssen weiter in der immer länger werdenden Schlange warten. Ich steige einige Stufen hinauf und befinde mich plötzlich inmitten leicht bekleideter Körper und freizügiger Szenen. Nur wenige Minuten vergehen, nachdem ich den Raum betrete, da erobert ein Beat den Raum. Zwei Männer in Unterwäsche ziehen die Aufmerksamkeit aller auf sich und beginnen, wie in Trance, zunächst für sich allein und anschließend miteinander zu tanzen. Der Beat wird immer lauter und schneller, und die Szene steigert sich bis zur Ekstase.

Performance stills, Ersan Mondtag, Totentanz, 2026 © Ersan Mondtag, courtesy DITTRICH & SCHLECHTRIEM, Berlin, Photos, Lukas Städler
Die beschriebene Szene könnte an einen typischen Clubbesuch in Berlin denken lassen. Tatsächlich handelt es sich jedoch nicht um einen Club, sondern um einen Ausstellungsbesuch im Rahmen der Berlin Art Week im September dieses Jahres. Am 10. September eröffnete die Galerie Dittrich & Schlechtriem die Ausstellung Dispair des Berliner Theaterregisseurs, Bühnenbildners und Künstlers Ersan Mondtag (39). Ich besuchte die Vernissage und erlebte die an diesem Abend stattfindende Performance. Ich war allerdings zunächst wenig begeistert. Viele der ausgestellten Werke erinnern unweigerlich an ein Klischee der Berliner Clubkultur: Beats, freizügige Kleidung und eine übermäßige Sexualisierung. Nach vielen Jahren in Berlin ist dieses Bild der Berliner Clubszene vielen Berliner*innen vertraut – und mich persönlich hat es bereits ermüdet. Während und nach der Performance gingen mir daher zahlreiche Fragen durch den Kopf: War diese Kombination aus nackter Haut und Beats nötig, um die künstlerische Aussage zu unterstreichen? Wurde diese Inszenierung gerade deshalb so gestaltet, weil sie in Berlin stattfindet? Gibt es etwas, das ich möglicherweise übersehe, und wenn ja, was genau?

Exhibition view, Ersan Mondtag, Dispair, 2026 © Ersan Mondtag, courtesy DITTRICH & SCHLECHTRIEM, Berlin, Photos, CHOREO
Beim Betreten der Galerie stoßen die Besucher*innen auf Dispair (2026), eine menschengroße Skulptur aus verkohltem Holz, die einen Mann darstellt, der einen anderen oral befriedigt. Während der eine vor dem anderen kniet, sitzt der andere auf einem Stuhl und doomscrollt abwesend auf seinem Handy. In derselben Blickachse, befinden sich fünf kleinere Arbeiten aus verkohltem Holz und Silikon. Sie tragen den Titel Körper I–V (2026). Es handelt sich um Holztafeln, aus denen nackte Körperteile hervortrete. Hände, Beine und Gesäße lassen sich darin erkennen. Auf dem Boden der Galerie liegt der dürre Körper eines verkohlten Affen: Rest (2026). An einer anderen Wand hängt ein zwei Meter langer Holzfries mit dem Titel Die Lebenssüchtigen (2026). Er zeigt fünf nebeneinandersitzende nackte Männer, die nur weiße New-Balance- oder Nike-Socken tragen. Die drei Männer in der Mitte des Frieses küssen sich oder werden befriedigt, während die beiden Männer an den Rändern des Sofas allein und erschöpft dasitzen.

Ersan Mondtag, Die Lebenssüchtigen, 2026 © Ersan Mondtag, courtesy DITTRICH & SCHLECHTRIEM, Berlin, Photos, CHOREO
Allein für sich hängt auch in einem hinteren Gang der Galerie ein großes Silikon-Ohr an der Wand. Es ist mit einem Piercing geschmückt und wirkt durch einige Haare unheimlich lebensecht. Aus dieser Arbeit, die den Titel Totentanz (2026) trägt, dringt leise eine Soundarbeit. Am Tag der Vernissage wurde Totentanz durch eine Performance aktiviert, für die das Audio laut abgespielt wurde. Die Performance bestand aus zwei jungen, schlanken Männern, die lediglich weiße Socken und Unterwäsche trugen und mit achtsamen Schritten zu einem langsamen Beat in den mittleren Galerieraum traten. Das Tempo des Beats nahm zu, während aus der Soundarbeit Stöhnen und Schimpfwörter zu hören waren. Die Szene entwickelte sich zu einem immer schnelleren, tranceartigen Tanz. Die Tänzer näherten sich einander und steigerten ihre Bewegungen ekstatisch – begleitet von Krankenwagengeräuschen und Fernsehnachrichten. Während ein Performer auf allen vieren ging, positionierte sich ein anderer hinter ihm und simulierte mit rhythmischen Bewegungen einen sexuellen Akt. Ein zunehmend langsamer werdendes Piepsen, das an einen EKG-Signalton erinnerte, begleitete das Abklingen des Rausches, bis der Ton schließlich vollständig verstummte. Anschließend las eine weibliche Stimme Shakespeares 66. Sonett vor. Ein Mann beobachtete den anderen, der wie leblos auf dem Boden lag.

Performance stills, Ersan Mondtag, Totentanz, 2026 © Ersan Mondtag, courtesy DITTRICH & SCHLECHTRIEM, Berlin, Photos, Lukas Städler
Ein erzählerischer Charakter zieht sich durch die Performance. Dieser lässt sich mit Ersan Mondtags Werdegang in Verbindung bringen, der in den darstellenden Künsten begann. Mit seiner Arbeit Monument eines unbekannten Menschen (2024), mit der er gemeinsam mit Yael Bartana (55) das deutsche Pavillon auf der Biennale von Venedig bespielte, erlangte Mondtag im selben Jahr auch in der bildenden Kunst große Aufmerksamkeit. Seither hat er sich zunehmend in diesem Bereich etabliert. Der gebürtige Kreuzberger kam bereits in jungen Jahren mit dem Theater in Kontakt und war lange Zeit Regieassistent an der Volksbühne bei Vegard Vinge. 1 Mondtag arbeitet an großen Produktionen als Regisseur sowie als Bühnen- und Kostümbildner für Theater und Oper. Seine Inszenierungen wurden unter anderem bei den Salzburger Festspielen, an der Bayerischen Staatsoper, an der Wiener Staatsoper und am Maxim Gorki Theater gezeigt. 2 Den Übergang in die bildende Kunst hat Mondtag bereits als erfrischend beschrieben. Theater und Oper seien Bereiche, die mit aufwendigen Produktionsprozessen und umfangreicher Koordination verbunden seien, während er in seiner eigenen Kunst reduzierter arbeiten könne, was seine Arbeit raffiniere.3
Also, ich begreife mich eigentlich eher als Bühnen- und Kostümbilder, der seine Räume selber bespielt, als Regisseur, der Bühne und Kostüme macht.4
– Ersan Mondtag –
Berücksichtigt man, dass Mondtag an großen Theater- und Opernproduktionen arbeitet, erscheint Totentanz in der Galerie Dittrich & Schlechtriem tatsächlich als eine kondensierte Form seiner künstlerischen Arbeitsweise. Im Galerieraum entfaltet sich die Performance mit lediglich zwei Personen in weißen Socken und Unterwäsche sowie einer Audiospur. In der Ausstellung und der Performance geht es jedoch nicht primär um Berlin als Stadt und seine Clubkultur. Vielmehr beziehen sich beide, wie die Galerie und der Künstler bestätigen, unmittelbar auf sogenannte „Chill-Partys“. Dabei handelt es sich um mehrtägige Treffen, die über Apps vereinbart werden und bei denen sich schwule Männer in Privatwohnungen treffen, um unter Drogeneinfluss zu feiern.5 Die Referenz auf diese Partys ist in der Ausstellung kaum zu übersehen: vom Holzrelief über die überlebensgroße Skulptur des Blowjobs in der Mitte des Raumes bis hin zur Performance. Laut der Galerie soll es jedoch nicht allein um diese Partys gehen, sondern um die sozialen und politischen Dimensionen queerer Rückzugsräume und die Frage, warum der Rückzug ins Private zunehmend an Bedeutung gewinnt. 6 Im Monopol-Podcast „Kunst und Leben“ spricht Mondtag über die Arbeiten in der Ausstellung und thematisiert die allgemeine Lebensmüdigkeit jüngerer Generationen, die mit aktuellen Krisen wie der Klimakrise und dem gesellschaftlichen Rechtsruck umgehen müssen. Dabei geht es ihm auch um die Darstellung einer umfassenden Erschöpfung und Verzweiflung. 7

Exhibition view, Ersan Mondtag, Rest, 2026 © Ersan Mondtag, courtesy DITTRICH & SCHLECHTRIEM, Berlin, Photos, CHOREO
Der Versuch, diese großen sozialen und politischen Themen deutlich sichtbar zu machen, gelingt Dispair jedoch nur bedingt. Die Ausstellung bringt die Ästhetik und Atmosphäre der Chill-Partys so stark zum Vorschein, dass der Raum für eine politische Lesart der Arbeiten eingeschränkt wird. Die sozialpolitische Dimension, auf die sowohl die Galerie und Mondtag verweisen, wird in den Werken nicht deutlich vermittelt. 8 9Was den Exponaten und der Performance hingegen gelingt, ist die Vermittlung eines Gefühls von Müdigkeit und Verzweiflung – also Dispair, wie die Ausstellung treffend betitelt ist. Diese Erschöpfung wird auf unterschiedliche Weise sichtbar: durch den schlaffen Penis des sitzenden Mannes in Dispair, durch den dürren Körper des verkohlten Affen in Rest, durch die beiden Männer an den Rändern des Sofas, die erschöpft nicht am sexuellen Geschehen teilnehmen, in Die Lebenssüchtigen und schließlich durch die Leere der Tänzer am Ende der Performance Totentanz. Letzterer gelingt es auch am ehesten der vom Künstler formulierten politischen Dimension gerecht zu werden, indem sie das Chaos der Welt durch akustische Elemente andeutet. Shakespeares 66. Sonett, das zum Ende der Performance vorgetragen wird, verweist auf die Erschöpfung angesichts einer Welt, in der Werte verloren gehen und Ungerechtigkeit herrscht.
Sicherlich war es Mondtags Absicht, Dispair offen und uneindeutig zu lassen. In einem Interview im Jahr 2025 mit dem Galeristen Johann König äußerte sich der Künstler über Aktivismus in der Kunst und vertrat die Ansicht, Kunst solle nicht predigen, sondern Mehrdeutigkeit zulassen und verstören. 10Er selbst verstehe sich nicht als politischer oder aktivistischer Künstler – das langweile ihn, sagt er – und wolle seine Kunst nicht auf eindeutige politische Aussagen reduzieren. 11Als ich die Galerie verlasse und allein nach Hause gehe, noch ganz in Gedanken an die Ausstellung versunken, schlägt mir der kalte Wind ins Gesicht. Dabei muss ich an Edvard Munchs Despair (1892) denken.

Edvard Munch, Despair, 1892. Public Domain, Photographer: Tord Lund / Thielska Galleriet
In dem Gemälde des norwegischen Malers erscheint die Verzweiflung als Kälte und Isolation gegenüber anderen Menschen im öffentlichen Raum. Bei Mondtag ist diese Dispair dagegen eine ganz andere. Es handelt sich um ein Gefühl von Überwältigung. Es handelt sich um eine innere, schmerzvolle Verzweiflung, die sich in unserem Körper wie ein Virus ausbreitet, wenn wir trotz aller körperlichen Wärme und Intimität die bittere Wahrheit erkennen müssen, dass wir allein sind und niemand da sein wird, der uns trotz aller Nähe vor Leid und Tod bewahren kann.
- Vgl. Johann König , „…mit Ersan Mondtag über Erfahrungsräume in der Kunst und die Geschichte der Gastarbeit“, Was mit Kunst – Ein Podcast von und mit Johann König I Podimo, 21.04.2025, Min. 01:26. – 04:00, abgerufen am 27.10.2026, https://open.spotify.com/episode/11gwYtcqg2I7ZjwhO7aKSe?si=d5a6675c3d3e4179 ↩︎
- Vgl. DITTRICH&SCHLECHTRIEM, „Ersan Mondtag“, abgerufen am 27.10.2026, https://dittrich-schlechtriem.com/artists/ersan-mondtag/ ↩︎
- Vgl. Monopol. Magazin für Kunst und Leben, „Ersan Mondtag und die Kunst der Vergänglichkeit“, Podcast „Kunst und Leben“, eine Kooperation von Monopol und Detektor.fm, 29.09.2026, Min. 14:07 – 15:22, abgerufen am 27.10.2026, https://www.monopol-magazin.de/monopol-podcast-ersan-mondtag-und-die-kunst-der-vergaenglichkeit ↩︎
- Vgl. Monopol, „Ersan Mondtag und die Kunst der Vergänglichkeit“, Min. 26:18 – 26:53 ↩︎
- Vgl. Oliver Koerner von Gustorf, „aber sie lieben dich nicht mehr“, DITTRICH&SCHLECHTRIEM, abgerufen am 27.10.2026, https://dittrich-schlechtriem.com/dispair/ ↩︎
- Vgl. ebd. ↩︎
- Vgl. Monopol, „Ersan Mondtag und die Kunst der Vergänglichkeit“, Min. 16:55 – 19:40. ↩︎
- Siehe auch @dittrichschlechtriem, [On the occasion of Berlin Art Week on Sep 9—13, 2026, DITTRICH & SCHLECHTRIEM presents Dispair, Ersan Mondtag’s first solo exhibition with the gallery.], Instagram, [24.07.2026], abgerufen am 27.10.2026, https://www.instagram.com/p/DbLfFi2FuWc/?img_index=2 ↩︎
- Siehe auch Monopol, „Ersan Mondtag und die Kunst der Vergänglichkeit“, Min. 16:55 – 19:40. ↩︎
- Vgl. KÖNIG GALERIE, „Ersan Mondtag: Memory as a Living Body“, Online Magazine, Interview mit Ersan Mondtag, abgerufen am 27.10.2026, https://www.koeniggalerie.com/blogs/online-magazine/ersan-mondtag-memory-as-a-living-body ↩︎
- Vgl. Tobias Langley-Hut, „Lebensmüde im Jungbrunnen: Zur Art Week lässt Ersan Mondtag die Hüllen fallen“, Der Tagesspiegel, 09.09.2026, abgerufen am 27.10.2026, https://www.tagesspiegel.de/kultur/lebensmude-im-jungbrunnen-zur-art-week-lasst-ersan-mondtag-die-hullen-fallen-16027926.html ↩︎